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Großes Interesse am Brückenbau-Projekt 

Neue Autobahnbrücke kostet 109 Millionen Euro

 

Infoveranstaltung in Sechshelden – Experten rechnen mit Bauzeit von sechs Jahren

 

Die geplante Autobahn-Talbrücke Sechshelden wird 109 Millionen kosten. Das erklärten Experten von Hessen Mobil und externer Planungsbüros bei einem Informationsabend, zu dem der Haigerer Magistrat eingeladen hatte. Rund 120 Bürger hörten interessiert zu, als die Fachleute umfangreich über den aktuellen Planungsstand und die nächsten Schritte informierten. Noch in diesem Jahr soll das Planfeststellungsverfahren – Genehmigungsverfahren mit Beteiligungsmöglichkeit – gestartet werden.

Bürgermeister Mario Schramm erklärte, die Bundesregierung habe bereits Anfang 2014 die Entscheidung zu Gunsten der Bestandsvariante getroffen, den Planungsauftrag erteilt  und nun Hessen Mobil damit beauftragt, die Bürger darüber zu informieren, was nach heutigen Planungen und Beschlussstand der Regierung auf den Ort zukommt.  

Schramm versprach auf Wunsch der Besucher nach einer knapp vierstündigen Veranstaltung, Hessens Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) nach Sechshelden einzuladen. Dort könne dieser sich vor Ort von den Belastungen, ausgehend von einer Autobahn, einer Eisenbahnstrecke und einer Bundesstraße überzeugen und sich mit den Bürgern austauschen, die immer noch mit großer Mehrheit eine Tunnellösung anstelle des Neubaus auf der bestehenden Trasse favorisieren. „Wir kennen die Belastung durch die Bundesstraße, die Autobahn und die Bahnlinie. Bis auf einen Flughafen haben Sie alles an Lärmquellen hier, was man sich vorstellen kann“, sagte der Rathaus-Chef. Er empfahl den Bürgern und dem Verein „MuT“ (Menschen unter der Talbrücke), am Ball zu bleiben und sich während des Planfeststellungsverfahrens die Baupläne genau anzusehen. Im Rahmen des Verfahrens könne man Anregungen und Bedenken schriftlich vorbringen, und zwar im Rahmen der Bürgerbeteiligung, wenn die Akten von Hessen Mobil im Haigerer Rathaus ausliegen.

Diplom-Ingenieur Marco Gräb, Projektleiter A45 von Hessen Mobil, bezeichnete die Sechsheldener Talbrücke als „ein Projekt von vielen“. Es gebe 22 große Talbrücken zwischen der Kalteiche und Langgöns, die alle erneuert werden müssten, beziehungsweise bereits erneuert worden seien. Alle seien auf Sicht nicht tragfähig genug. 2009 habe der Bund entschieden, dass alle Brücken erneuert werden müssten, ein Jahr später sei dann ergänzend der sechsstreifige Ausbau als Bedingung hinzu gekommen, sagte Gräb.

„Brückenbauprojekte werden wie Neubauten betrachtet, somit sind die Grenzwerte und alle Anforderungen wie bei einem Neubau anzuwenden“, sagte Gräb. Im Oktober 2011 habe die Stadt Haiger eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, mit der geklärt werden sollte, ob neben dem Ersatzneubau auch eine „kleinräumige Verlegung mit Tunnel“ möglich sei. Hessen Mobil  habe beide Planungsvarianten „gleichberechtigt nebeneinander bearbeitet“ und Anfang 2014 die Ergebnisse im Bundesverkehrsministerium in Bonn vorgestellt. Dort sei die Entscheidung für den Neubau am aktuellen Brückenstandort im Januar 2014 gefallen. Seither arbeite Hessen Mobil mit diesem Auftrag aus Wiesbaden an den Planungen weiter, die im DGH erstmlams der Öffentlichkeit präsentiert wurden.

Verkehrsplaner Holger Dribbisch von der Arcadis GmbH aus Berlin berichtet, dass im Jahr 2010 noch 56.000 Fahrzeuge (davon 24% Schwerverkehr) die Brücke genutzt hätten. Die Prognose für 2030 liege 3000 Fahrzeugen mehr pro Tag, darunter fünf  Prozent mehr Schwerverkehr, vor allem nachts. Die Lärmbelastung solle durch die  

Errichtung umfangreiche transparente Lärmschutzanlagen bekämpft werden. Außerdem seien der Ausbau des Parkplatzes „Am Schlierberg“ (mehr Lkw-Stellplätze) sowie der Neubau zweier Regenrückhaltebecken und der Ersatzneubau einer Stützwand „Am Klangstein“ geplant. Ein Brückenpfeiler sei im Bereich der jetzigen Willi-Thielmann-Straße vorgesehen, die deshalb geringfügig verlegt werden müsse. Zudem müsse das jetzige Bauwerk statisch unterstützt werden, um die in den kommenden Jahren zu erwartenden Belastungen tragen zu können. Durch diese beschriebenen Maßnahmen seien die Gesamtkosten auf 109 Mio. Euro gestiegen.

Über die lärmtechnischen Untersuchungen berichtete Diplom-Ingenieur Silvio Höbald (Büro INVER, Erfurt). Der Lkw-Anteil betrage tagsüber 30 Prozent, nachts 63 Prozent. Nach den Berechnungen der Experten würden ohne Lärmschutzwände bei 92 Wohnhäusern die Tag- und bei 450 Häusern die Nachtgrenzwerte überschritten. Neben einer lärmmindernden Straßenoberfläche und speziellen Fahrbahnübergängen könnten weiterhin durch den Einsatz von Lärmschutzwänden auf beiden Seiten Reduzierungen um bis zu zehn Dezibel erreicht werden. Die Wand in Richtung Ortskern werde 6,50 Meter hoch, dadurch könnten die Taggrenzwerte komplett eingehalten werden. Die Wand in Richtung Haiger sei 5,50 Meter hoch geplant. Bei rund 100 Wohnhäusern werde der Nachtgrenzwert überschritten, diese Häuser benötigten einen zusätzlichen passiven Schallschutz (Fenster, Schallschutzlüfter).

Die Grenzwerte für die Luftschadstoffe Stickstoffdioxid und Feinstaub würden nach dem Brückenneubau nicht überschritten, sondern deutlich niedriger als aktuell ausfallen. (öah)

 

Fragen zur Brücke

 

Die Bürger aus Sechshelden und den angrenzenden Orten hatten verständlicherweise viele Fragen nach den umfangreichen Vorträgen der Experten. So wollten sie wissen, ob die aktuelle Brücke die Belastungen des Verkehrs bis zum Neubau und während des Neubaus aushalten kann. Marco Gräb erläuterte, Ende des Jahres werde der Verkehr auf zwei Fahrstreifen pro Richtung reduziert. Wenn vier Fahrstreifen auf einem Brückenteil genutzt würden, sei vorsorglich der Bau von sieben Stützpfeilern an stark belasteten Punkten geplant. Die äußeren Träger werden über ein Monitorverfahren überprüft, das beginnende Schäden sofort entdeckt und „meldet“.

Die erst vor wenigen Jahren beendete Notinstandsetzung sei durchaus erfolgreich gewesen. Dadurch habe die Brücke an Lebensdauer gewonnen.

Klaus Best (MuT) wollte wissen, ob bei den Planungen bestehende Richtlinien zu den Kurvenradien missachtet werden. Marco Gräb erläuterte, bei Um- und Ausbauten seien Abweichungen von den Regeln – im Gegensatz zu kompletten Neubauvorhaben - erlaubt. „Das heißt nicht, dass die Autobahn unsicher ist.“ Ein Tunnel hätte bedeutet, aus Sicherheitsgründen eine Geschwindigkeitsbeschränkung von 80 bis maximal 100 Stundenkilometer zu verhängen. Durch die Verbreiterung der Brücke um insgesamt fünf Meter werde der Schattenwurf um etwa drei bis vier Meter zunehmen, sagte Gräb. Die Planer wollten überwiegend transparente Schallschutzwände bauen, um der Schattenproblematik zu begegnen. (öah)

 

Keine „Tauschgeschäfte“

In der relativ hitzigen Diskussion in Sechshelden kam auch ein angebliches „Tauschgeschäft“ zur Sprache. Bürgermeister Mario Schramm habe, so der Vorwurf, „den Hessentag bei Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir gegen den Sechsheldener Tunnel eingetauscht“. Diesen Vorwurf konnten Bürgermeister Schramm seitens der Stadt Haiger und Marco Gräb von „Hessen Mobil“ entkräften. Wie Gräb erklärte, „fiel die Entscheidung zu Gunsten des Brückenneubaus Ende 2013/Anfang 2014, als in Wiesbaden eine CDU/FDP-Landesregierung in der Verantwortung war“. Im Juli 2014 war Staatssekretär Matthias Samson im Haigerer Rathaus zu Gast, um die Entscheidung für den Ersatzneubau der Brücke vor verschiedenen Vertretern aus der Haigerer Politik sowie Vorstandsmitgliedern des Vereins MuT und einem Mitglied der Landesregierung zu erläutern.

Bürgermeister Schramm machte deutlich, dass er zum Zeitpunkt der Entscheidung im Bundesverkehrsministerium und in der Hessischen Landesregierung noch Angestellter der Stadtverwaltung gewesen sei. Seine Amtszeit als Bürgermeister habe im Sommer 2014 begonnen. Über den Hessentag sei im Parlament erstmals im Oktober 2015 – also mehr als eineinhalb Jahre nach der Entscheidung in Wiesbaden – gesprochen worden. (öah)

 

Fakten zur Brücke

Aus Gründen des Lärmschutzes soll eine so genannte Spannbeton-Hohlkastenbrücke mit Lärmschutzwand gebaut werden.

Höhe: 25 Meter 

Gesamtlänge: 937

Sechs Streifen plus Standstreifen für jede Richtung

Pfeileranzahl: 15 (bisher 20)

Breite: 38,5 Meter (bisher 33,5)  

Erwartete Bauzeit: Sechs Jahre (öah)